Herbstlicht

„Die dunkle Jahreszeit schlägt aufs Gemüt …“, sagen wir manchmal im November. Obwohl wir in diesem Jahr noch ungeahnt warme, sonnige Tage erleben konnten. Und doch, jeden Tag wird es ein klein wenig früher dunkel, es braucht die warme Winterjacke, nun gibt es die ersten Schneeflocken. Auch die Welt um uns herum, so scheint es, verdunkelt sich. Es fühlt sich oftmals „kühl“ an. Unsicher.

Neulich fuhr ich mal wieder eine längere Strecke mit Bus, Bahn und Straßenbahn. Das schlug mir tatsächlich auf die Stimmung. Unglaublich voll und wuselig war es: Menschen ohne Masken, mit dem Handy vor der Nase, ohne Rücksicht auf andere. Schlechtgelaunte Gesichter und Wortfetzen …  Ärgerlich. Dunkel, kalt und laut kam die Fahrt mir vor.

Oder bin ich es auch ein bisschen selbst, die so auf das Gewirr schaut? Wie ist es eigentlich um meine Laune bestimmt, wie offen, zugewandt und freundlich bin ich eigentlich an diesem Abend? Darum dreht sich unser Gespräch, als ich im Café meine Freundin erreiche und von meiner Anfahrt berichte. Ja, das kennen wir beide: „Wie ich in den Wald hineinrufe, so schallt es heraus“. Wir lachen gemeinsam.
Hmh, ist da etwas Wahres dran? Nach einem erheiternden, geselligen Abend begleitet mich anderntags das besprochene Thema. Wieder geht es mit Straßenbahn, Bahn, Bus retour: Dieses Mal mit anderem Blickwinkel und gänzlich anderen Erfahrungen.

Das unerwartete Highlight der Rückreise: Ein alter Herr holt in der Bahn eine Gitarre aus dem Koffer. Er singt und begleitet gekonnt und leise ein paar Lieder, so als täte er es für sich selbst. Gänzlich ohne wirtschaftliche oder sonstige Absicht. Die wenigen Anwesenden lauschen hingerissen. Einer äußert den Wunsch nach einer „Zugabe“ und ein kleines nettes Gespräch gibt es zuletzt auch noch. Fast verpasse ich meinen Ausstieg.

Zufall? Heute waren wohl die „ärgerlichen Leute“ nicht unterwegs?
Vielleicht. Und zugleich gab es bei mir diese andere, offenere und freundliche Sicht auf die Welt. Für Momente war es ganz leicht, die Herzregion erwärmt, geweitet, erhellt.

Wie wäre es, viel öfter ganz bewusst den Fokus auf „Wärmendes und Helles“ zu richten?
Wach zu sein für das Schöne, Freudvolle, Leuchtende … das uns begegnet. Es tatsächlich bewusst einzusammeln. Dies auch als Gegenwicht zur sonst oft eher auf das Unerfreuliche, Belastende, Ärgerliche … gerichteten Aufmerksamkeit im Alltag.

Alles zu erwarten – auch und besonders das Schöne! Nachdem ich mich selbst auf diese Fährte geschickt habe – erlebe ich in den nächsten Tagen und Wochen im Alltag viel Wärmendes und Angenehmes:

Meine Großnichte, gerade zur Schule gekommen, schickt mir ein selbstgemaltes Bild voller Einhörner, Sterne und prachtvoller Farben. Dazu ein erster selbst geschriebener Gruß.
Wenn ich mich jetzt beim Schreiben daran erinnere, spüre ich wieder diese Wärme in der Herzregion und entspannte Freude in meinem Gesicht.

Oder dieser andere Abend: Mein Liebster holt mich von der Arbeit ab und wir genießen noch einen kleinen Spaziergang, tauschen die Begebenheiten dieses Tages. Wie hell, wir warm, wie freudig fühlt sich das an.

Im Garten lächeln mir die Ringelblumen zu – im November – nachdem sie den trockenen Sommer eher gemieden haben. Nun aber sonnige Blüten zwischen den braunen Blättern, herrlich!

Und noch so ein lichter Moment: Es gab den ausgesprochen kenntnis- und hilfreichen Techniker des Telefonanbieters, der mich leicht und freundlich zur Behebung des Schadens führte. Telefon, Internet … alles wieder okay. Wie erleichtert bin ich, wie froh.

Seit ein paar Wochen beobachte ich vom Schreibtisch aus die Handwerker der Rohrleitungsfirma, wie sie in unserer Straße sämtliche Wasserleitungen erneuern. Endlose Arbeitsgänge mit Lärm und Staub. Es wäre ein Leichtes, mich Tag um Tag gestört zu fühlen von Rüttelmaschinen und Baggerverkehr. Und nicht selten fühlt es sich auch so an. Könnte das bloß endlich aufhören, es scheint ja das ganze Haus zu erschüttern.
Selbst hier ein Lichtblick! Was ich auch sehen und spüren kann: Hier geben alle ihr Bestes, jeder weiß, was zu tun ist und tut es professionell, kollegial und mit dem gewünschten Ergebnis. Freundlich, zugewandt im Kontakt mit der Kundschaft. Beeindruckend, ja bewundernswert.

Und dann war da noch die Kassiererin in der Drogerie, die ihre Sache aufmerksam und ganz bemerkenswert macht:  Dem alten Herrn mit einem riesigen Windelpaket und großer Mühe beim Laufen ist sie eine echte Hilfe. Mitfühlend verlässt sie ihren Sitzplatz, kommt hervor und packt für den Mann das Eingekaufte in die Tasche. Begleitet von herzlicher Ansprache und guten Wünschen für den Heimweg. Menschlich, warm, einfach toll!

Jetzt, wo ich all diese Begebenheiten noch einmal erinnere und aufschreibe, kehrt die Freude, die Nähe, die Wärme und die Helligkeit in mich zurück. Die am Schreibtisch angespannten Schultern sinken, wärmendes Kribbeln erfüllt Bauch und Brustraum, ein sanftes Ausatmen und Entspannen …

In meinen Kursen verwende ich öfter eine kleine Übung:
Eine Handvoll Bohnen in die rechte Jackentasche stecken und wann immer einem etwas
Frohes, Angenehmes, Schönes begegnet, dies zu würdigen, indem eine oder
mehrere Bohnen in die linke Jackentasche wandern. Abends dann die
Bohnen aus der letztgenannten Tasche hervorholen und die gesammelten
schönen Momente noch einmal erinnern, sich erneut daran freuen.

Gibt es in Ihrem Vorratsschrank getrocknete Bohnen? Haben Sie Lust, es einmal auszuprobieren? Sammeln Sie Freudiges, Schönes und Helles, wann immer es ihnen in der kommenden Zeit begegnet. Und lassen Sie es zur Quelle von Wärme, Licht werden – nicht nur in der dunklen Jahreszeit.

 

P.S.: Kaum war dieser Text geschrieben, bekam ich ein herrliches Foto geschenkt. Es ziert nun den Eingang zum Thema. Schon wieder ein Anlass zur Freude! Herzlichen Dank an Christiane Weber.